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Ausstellungen

BEATE AXMANN – SICHT. VERRÜCKT – Einzelausstellung


BEATE AXMANN: EINE KÜNSTLERIN VERMISST DIE WELT 

BEATE AXMANN: EINE KÜNSTLERIN VERMISST DIE WELT – VOM SCHWARZWALD BIS SHANGHAI


Zur Eröffnung der Ausstellung in der Pashmin Art Gallery am Sonntag, dem 11.7.2021, um 11.30 Uhr

 

Ich habe die Ehre und das Vergnügen, Ihnen heute an einem sonnigen Sommersonntagmorgen eine Künstlerin vorzustellen, die mich auf Anhieb bei unserer ersten Begegnung – das war am Freitagnachmittag – in ihren Bann gezogen hat. Als ich die Treppe zur Galerie hinaufstieg, fiel mir sofort die monumentale, an ein Altarbild erinnernde und einer Pieta nachempfundene Komposition im Treppenaufgang ins Auge. Donnerwetter, sagte ich zu meinem besten Freund Nour, der mir entgegenkam, was für eine Power! Welche Energie! Und das aus den Händen einer eher zurückhaltenden, sich nicht vordrängenden Frau wie Beate Axmann! Die Künstlerin zeigte mir einige ihrer Arbeiten, die gerade gehängt werden sollten, und setzte mich von Werk zu Werk mehr in Erstaunen, um nicht zu sagen: in Bewunderung. Welch eine Ausstrahlung, welche magische Kraft geht von ihren Bildern aus!  Sie wirken auf den Betrachter, als ob sie gerade fertig geworden wären, als wäre der letzte Pinselstrich noch nicht ganz getrocknet: Werke im Stadium des Geborenwerdens, in statu nascendi.


Beate Axmann stammt tatsächlich aus dem Schwarzwald, auch wenn sie nicht gerade wie das oft besungene Mädel aus dem Schwarzen Wald ausschaut. Sie wohnt und arbeitet im Kinzigtal, gewiss eine der schönsten und wohl auch noch unversehrtesten Landschaften Deutschlands. Aber Schwarzwaldromantik sieht anders aus als auf den Bildern der Künstlerin. Und doch meint man beim Nach-sinnen über ihre Gemälde ein heimliches Rauschen und Raunen der hohen Tannen zu spüren, die ihrer Heimat das Gepräge geben. Beate Axmann ist den Gewächsen ihrer Region eng verbunden. Sie ist geerdet, tief geerdet, und strebt doch wie die Tannenbäume hinauf in höhere Sphären. Sie schöpft aus dem Vollen, aus ihrer natürlichen Umwelt, aber sie schafft keine idyllische Land Art und keine heile Welt. Sie hat sich an den aktuellen Krisen und Katastrophen – angefangen von den Flüchtlingsströmen des Jahres 2015 über das Drama der globalen Erwärmung bis zur gegenwärtigen Corona-Pandemie – abgearbeitet, und dieser Leidens- und Mitleidensdruck hat in ihren Werken tiefe Spuren hinterlassen. Sie zeigen, wie verletzlich, wie bedroht unser Leben auf dieser Erde ist. Im Gegensatz zu den meisten Künstlern und auch Künstlerinnen der Gegenwart spart sie die religiöse Dimension der Misere nicht aus. Das Heilige tritt  - verfremdet und in neuer Gestalt – in Erscheinung. Schauen Sie auf die beiden Heiligenfiguren in dieser Ausstellung! Sie sind nicht aus leeren Kirchen geraubt worden, sondern Zeugnisse Schwarzwälder Volksfrömmigkeit, die früher in der guten Stube der Holzfäller oder an einer Weggabelung als Andachtsbild  gestanden haben. Die Künstlerin hat sie in Antiquitätenläden gekauft und ihnen eine ganze neue Bedeutung verliehen. Sie hat sie in wetter-feste Schutzumhänge gehüllt, wie sie die frierenden Flüchtlinge im Herbst 2015 von hilfsbereiten Feuerwehrleuten und Landarbeitern umgehängt bekommen haben. So verwandelt sie den armen Joseph, der das Jesuskind auf seinen Schultern trägt, in ein Sinnbild, das die Liebe des Vaters zu seinem Sohn symbolisiert.


Diese Ausstellung trägt einen treffenden Titel: „Sicht. Verrückt“. Seit 2018 verwendet Beate Axmann diese Kennzeichnung für ihre gesamte künstlerische Tätigkeit. Sie macht damit deutlich, dass sich unter dem Eindruck der gegenwärtigen Bedrohungen und Ängste ihre Sicht auf die dargestellte Welt mehrfach „verrückt“ hat und dass es eines zweiten, dritten oder gar vierten Blicks bedarf, um die Tiefendimension des Gesehenen und des Geschehenen zu erfassen. Die ersten Arbeiten der „Sicht.Verrückt“-Serie sind 2018 in der Türkei entstanden, als sie an einem internationalen Symposion in Gazipasa teilnahm, auf dem es vor allem um die Bedrohung der Kunst- und Meinungsfreiheit ging. Das Schrei-Thema lässt die Künstlerin seitdem nicht mehr los. Sie reagiert damit auf die zu-nehmende Fremdenfeindlichkeit und die Wiederkehr des Rassismus.  Sie benutzt vom Aufschrei aufgerissene oder verschlossene Münder, aber auch gesenkte, geschlossene oder geblendete Augen und verbogene und zerbrochene Brillengläser, um auf expressive Weise vorzuführen, wie sehr die Welt aus den Fugen geraten ist.  Ihr imposantes Tryptichon „Das große Spiel“ zeigt drei vom Schicksal gezeichnete Frauenbildnisse, deren Münder und Augen Trauer, aber auch Trotz und Widerstandswillen zum Ausdruck bringen. Ihre Leidensmienen sollen de Betrachtenden nicht zur Passivität verleiten, sondern zum aktiven Handeln ermutigen. Nicht wenige Arbeiten beschränken sich auf die Farben Schwarz, Weiß und Grau in vielerlei Zwischentönen und bestätigen eine Erfahrung aus der Fotografie: Schwarzweißaufnahmen sind nicht selten aussagekräftiger als die buntesten Farbbilder, weil sie das Wesentliche in Blick rücken, den Gegensatz von Licht und Schatten. Beate Axmann betreibt aber keine Schwarzmalerei. Die Hoffnung leuchtet grün, manchmal strahlend blau oder hell wie das Licht der Sonne. Bisweilen wechselt die Künstlerin in die Abstraktion, zum Beispiel auf ihren rund Holztafelbildern, auf denen die Maserung des Holzes die Pinselführung mitzubestimmen scheint. Ihre abstrakten Bilder sind Zeugnisse ihrer Innenschau, Gleichnisse für ihre eigene Befindlichkeit wie für ihre sensuelle Wahrnehmung der sie umgebenden Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt. Sie haben unverkennbar meditative Züge und suchen nach Heilkräften, um mehr Licht in den Weltinnenraum hineinzulassen. Ihre Abstraktionen sind keine Stillleben, sie scheinen sich zu bewegen, als ob sie von Pulsschlägen belebt werden.


Fasziniert bin ich auch von den Bachbildern der Künstlerin, in deren Mittel- punkt immer wieder die Korbweiden stehen, aus denen früher die Weiden-körbe geflochten wurden. Zunächst waren die künstlich beschnittenen Baum-stümpfe für Beate Axmann als signifikante grafische Zeichen interessant, aber in ihren neueren Arbeiten tritt der Symbolcharakter in den Vordergrund. Die Korbweide gleicht einem tief im Sumpfboden verankerten Kopf. Wissen und Weisheit, so lehrt sie uns, kann der Mensch nur aus der Tiefe der eigenen Erfahrung schöpfen. Insofern ist die Korbweide eine nordische Entsprechung zur Lotosblume der indischen Sufis, die ihre Leuchtkraft aus dem Sumpf her-vorholt, in dem sie gedeiht.


Beate Axmann ist eine mutige Künstlerin. Ich kenne weit und breit keinen anderen Kunstschaffenden der Gegenwart, der es heute noch oder wieder wagt, sich aus heutiger Sicht mit einem zentralen Motiv der christlichen Kunstgeschichte produktiv auseinanderzusetzen. Es geht um die Pieta, die Darstellung Marias als mater dolorosa, als Schmerzensmutter, mit dem Leichnam ihres vom Kreuz abgenommenen Sohnes in ihrem Schoß. Die Künstlerin überlässt das Motiv nicht länger den alten und durchweg männlichen Meistern der Renaissance, sondern zeigt die Schmerzensmutter, versehen mit den vom Leid gezeichneten Gesichtszügen der Plastiken von Käthe Kollwitz, vor dem Hintergrund heutiger Kriegserfahrungen. Gibt es in Afghanistan, im Irak, in Syrien oder im Jemen nicht ungezählte Mütter, die ihre im Krieg gefallenen Kinder noch einmal in den Schoß nehmen wollen, ehe sie ins Grab gelegt werden? Beate Axmann weiß, was sie darstellt. Sie hat ihren eigenen Sohn mit fünfzehn Jahren durch einen Unfall verloren.


Ihre beiden Pieta-Darstellungen wurden durch ein Symposion im vom Balkankrieg verheerten Kosovo angeregt und wurden im vergangenen und in diesem Jahr unter dem Eindruck der Pandemie verwirklicht. Bereits 2015 hat sich die Künstlerin während eines Studienaufenthaltes im marokkanischen Kulturzentrum Marrakesch mit der malerischen Vergegenwärtigung orientalischer Frauen beschäftigt. Inspiriert von der Volkskunst der Berber, hat sie auf drei großformatigen Bildern die kunstvolle Verschleierung der Frauen ins rechte Licht gerückt und dafür leuchtend blaue Farbpigmente aus Lapislazuli-Gestein verwendet, das im Atlasgebirge geschürft wird.


Wie findet eine Schwarzwälderin zu einer so kosmopolitischer Weltsicht und Gestaltungskraft? Etliche Anzeichen in ihrem schon jetzt imposanten Werk sprechen dafür, dass sie glückliche Kindheit erlebt hat. Ab 2019 erweitert sie ihre „Sicht.Verrückt“-Serie um einen neuen Rückblick auf ihre Kinderjahre. In ihren bunten und durchweg hellen Bildern übernimmt sie Elemente aus frühen
Kinderzeichnungen. Der Blick auf das, was einmal war, vermischt sich mit dem, was ist und was noch kommen mag. Dabei werden auch humorvolle Akzente gesetzt. Beate Axmann wurde 1962 in Mühlenbach im Schwarzwald geboren, ein Dorf, durch das auch heute noch ein Bach fließt. Nach dem Schulbesuch macht sie zunächst eine pädagogische Ausbildung und arbeitet als Erzieherin. Aber schon 1985 unternimmt sie eine neunmonatige Reise kreuz und quer durch Südamerika. Sie entdeckt ihre künstlerische Begabung und führt ein Reisetagebuch mit Zeichnungen und kleinen Malereien. Seit 1987 ist sie verheiratet und wird Mutter von drei Kindern. Im Jahre 2003 erlebt sie eine bittere Tragödie. Ihr Sohn kommt bei einem Unfall ums Leben. Dieser Verlust hat sie in die Kunst katapultiert. Sie sucht in der Malerei Trost und neuen Lebensmut, der ihr den Weg zur freischaffenden Künstlerin ebnet. Seitdem hat sie mit der tatkräftigen Unterstützung ihres Mannes ihren Horizont um globale Dimensionen erweitert. Sie hat an Künstlerwerkstätten und Fortbildungen in Österreich, Frankreich, in der Türkei, im Kosovo, in Marokko und in China teilgenommen. Sie hat Ikonenmalerei und chinesische Tuschezeichnungen studiert. Ihr künstlerisches Potential ist dank ihrer weltweiten Wissens- und Lernbegier ungleich reichhaltiger als die Rezeptur ihrer allermeisten Kollegen, die sich meistens auf die Muster der westlichen Postmoderne beschränken. Besonders ertragreich waren für sie ausgedehnte Arbeitsaufenthalte im Zhou B Art Center in Chicago, deren Ergebnisse sie weltweit ausstellen konnte, nicht nur in Süddeutschland, sondern auch in New Orleans, Los Angeles, in Mailand und Paris.

 

Peter Schütt









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